#besonderehelden: Der Storytelling-Fail der Bundesregierung

(Hinweis: dieser Artikel vertritt keinen politischen Standpunkt des generellen Umgangs der Bundesregierung mit der Corona Krise, sondern eine Auseinandersetzung mit der aktuellen Kampagne).

Die aktuelle Kampagne der Bundesregierung ist ein gelungenes Beispiel für misslungenes Storytelling. Aktuell sorgen die drei jüngst unter dem Hashtag #besonderehelden veröffentlichten Clips für viel Diskussions- und Zündstoff im Web und in den sozialen Medien: Während einige den satirischen Charakter der Videos betonen, sehen sich viele andere von der Bundesregierung verhöhnt. Was genau ist da los?

Solltet Ihr die Clips noch nicht gesehen haben, macht Euch hier gerne zunächst selbst ein Bild:

Spot 1: https://www.youtube.com/watch?v=krJfMyW87vU&t=2s

Spot 2: https://www.youtube.com/watch?v=UH1757U0aeg&t=1s

Spot 3: https://www.youtube.com/watch?v=BpYZvtmkGw4

© 2020: Youtube Kanal der Bundesregierung, https://www.youtube.com/channel/UCcnFmkINMo4Jmkx5mvlCh6g

Der Schauspieler skandiert in dem Clip: 

„Bevor Corona ausbrach war ich ohne Zweifel die faulste Socke, die je durch dieses Land geschlichen ist. Ich habe meine Wohnung so gut wie nie verlassen, zockte ohne Ehrgeiz. (…) Meine Freude nannten mich den faulen Tobi.“

Und weiter:

„Nichtstun war plötzlich ein Dienst an der Gemeinschaft. Faulheit konnte Leben retten- und darin war ich Meister.“

Also Faulheit als Dienst an der Gemeinschaft? Fehlender Ehrgeiz als Tugend? Nichtstun als erstrebenswertes Gut? Was genau soll die Botschaft dahinter sein?

Ein virtueller Schlag ins Gesicht ist 

Das Flüchten aus der Realität und vor (Eigen-)Verantwortung wird zum absurden Ideal stilisiert.

Storytailors Der Storytelling Fail der Bundesregierung 2

© 2020: https://www.youtube.com/watch?v=UH1757U0aeg

Entlarvend: der bemühte Versuch einer Satire. Die Kernaussage lässt sich zumindest erahnen: Wir sollen Zuhause bleiben. Das Problem: #seidfaul ist nicht #stayhome.

Das stumpfe Nichts-Tun und die ahnungslose Teilnahmslosigkeit als Heldentum umzudeuten, ist schon harter Tobak. Noch mehr aber ist es ein offener Schlag ins Gesicht für alle, die sich in dieser Krise Faulheit aus den unterschiedlichsten Beweggründen nicht leisten können:

Entgegen dem Filmcredo ist es nicht „zum Schmunzeln” für all die stillen Eifrigen, in Medizin, Pflege, Diensten sozialer Verantwortung, die Tag und Nacht dafür kämpfen, der Lage gemeinsam Herr zu werden.

Es ist nicht „zum Schmunzeln”, für die Unternehmer, die nach hartem Kampf die Insolvenz einreichen muss und das Ergebnis seines jahrelangen Strebens nun schuldlos am Boden sieht.

Es ist nicht „zum Schmunzeln” für die Angestellten und Freiberufler, die verzweifelt nach Auswegen aus ihrer existenzbedrohenden Lage suchen.

Es ist nicht „zum Schmunzeln” für arbeitende Mütter und Väter, die im familiären Chaos versinken.

Es ist nicht „zum Schmunzeln” für alle, die versuchen, all die rat- und ruhelosen Menschen wieder zu motivieren, zu aktivieren, ihnen Hoffnung, Mut und Kraft zuzusprechen.

Menschen, die etwas TUN WOLLEN. Das sind die Helden in diesen Tagen. Und dazu bedarf es mehr als die basalste unserer aktuellen Aufgaben, dem Social Distancing.

Die Krise als Chance sehen

Die perfide Botschaft der Kampagne aber lautet: Eigeninitiative ist nicht gefragt, Engagement wird nicht wertgeschätzt, Heldentum besteht im dahinvegitierenden Nichtstun. Wird hier nicht „Faulheit” mit „Besonnenheit” verwechselt? Ein “Sich gehen lassen” mit „Contenance”?

Was ist aus dem Gedanken geworden, der in den vergangenen Monaten so gebetsmühlenartig gepredigt wurde: die Krise als Chance zu sehen? Initiative zu ergreifen, Verantwortung zu übernehmen, Solidarität zu leben? Die Chance - auch und gerade in den eigenen vier Wänden - etwas aktiv anzugehen, kreativ zu sein, innovativ zu sein. Und als hätte man genau dieses Credo schon wieder vergessen, wird uns ein Junkfood essender Gamer präsentiert.

Mittels fader Jugend-Stereotypen, die ein bedenkliches Realitätsbild unserer Regierung zeichnen, werden ein paar billige Lacher abgestaubt. Wohlgemerkt von ebenjener Regierung, deren zentraler Fokus im zurückliegenden Sommer darin lag, vermeintlich stereotypische Denkmuster in Kinderbüchern wie „Jim Knopf” und „Pipi Langstrumpf” an den Pranger zu stellen.

jk lukas cover

(© 2020, http://michaelende.de/)

Sich auf Twitter im Ausland für den „neuen deutschen Humor” feiern lassen - das ist aktuell offenbar wichtiger, als energetisierende und wertschätzende Botschaften zu positionieren. Warum nicht die wahren “kleinen” Heldentaten in den Fokus rücken? Warum keine Kampagne die Chancen aufzeigt, wie Menschen die Zeit sinnvoll für sich nutzen, die kochen, die digitalen Sportkurse nutzen, wie sie von vielen Fitnessstudios seit der Pandemie angeboten werden? Botschaften, Werte, Emotionen - das ist es, was wir brauchen. Gerne auch satirisch und mit augenzwinkerndem Charme und befreiendem Lachen - aber bitte mit feinsinnigem Verstand und Fingerspitzengefühl als mit derartigen, bemüht witzigen Unsensibilitäten für eine vage und offenbar auch in diesen Zeiten ruhig gebettete Zielgruppe.

So ist die Kampagne #besonderehelden eine große verpasste Chance der Bundesregierung, über Storytelling starke Botschaften und Signale zu senden - sehr bedauerlich!

#tutwas statt #seidfaul!

Bleibt zu hoffen, dass zumindest aus der Kontroverse über diese Kampagne neue Energien entstehen, besonnen, achtsam, solidarisch und aktiv durch diese Krise zu schreiten. Und dass genügend Kultur- und Kreativschaffende überleben werden, um uns zu zeigen wie Storytelling besser umgesetzt werden kann.

Als Inspiration zum Abschluss hier eine treffende Reaktion einiger „wahrer” Alltags-Helden des Klinikums Esslingen, die unter die Haut geht - Chapeau!

#tutwas

© 2020: Youtube Kanal des Klinikum Essling: https://www.youtube.com/channel/UCMc1a6RhUIA_2fDLr6oqevQ



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